Bohrschutz, Ziehschutz, Pickschutz: was schützt wovor?

Bohrschutz, Ziehschutz, Pickschutz erklärt: Was sind die drei wichtigsten Schutzfunktionen am Schließzylinder, wie wirken sie und wann brauche ich was?

Wenn Hersteller mit „Bohrschutz“, „Ziehschutz“ und „Pickschutz“ werben, klingt das nach Marketing – dahinter stehen jedoch konkret prüfbare mechanische Eigenschaften. Dieser Ratgeber erklärt, was die drei Schutzarten technisch bedeuten, welche Normen sie regeln und in welchen Profilzylindern sie tatsächlich verbaut sind.

Was bedeuten Bohrschutz, Ziehschutz und Pickschutz?

Die drei Begriffe beschreiben verschiedene Manipulationsangriffe auf den Schließzylinder. Jeder Angriff hat eine eigene Abwehrtechnik – ein Premium-Zylinder kombiniert alle drei.

  • Bohrschutz: Schutz gegen das gezielte Aufbohren der Kernstifte oder des Zylinderkerns mit Bohrmaschine und Hartmetallbohrern.
  • Ziehschutz: Schutz gegen das gewaltsame Herausziehen des Zylinders aus dem Schloss mit Zange oder spezieller Zughilfe (Kernziehen, Zylinderziehen).
  • Pickschutz: Schutz gegen das Aufsperren mit Picking-Werkzeugen, also das mechanische Manipulieren der Stifte ohne passenden Schlüssel.

Bohrschutz im Detail

Beim Aufbohrangriff zielt der Täter auf die Stiftreihe oder den Zylinderkern. Werkstoff und Konstruktion entscheiden, wie lange der Zylinder Stand hält.

Typische Bohrschutz-Elemente

  • Gehärtete Stahlstifte in der Stiftreihe, die einen Bohrer stumpf laufen lassen.
  • Hartmetallplättchen im Zylindergehäuse, die als Bohrer-Stopper wirken.
  • Bohrschutzbrücken aus gehärtetem Stahl quer durch den Zylinder.
  • Mehrfachhärtungen im Kern und um die Stifte.

Geprüft wird der Bohrschutz im Rahmen der DIN EN 1303 unter Stelle 8 (Angriffswiderstand). Stelle 8 kennt drei Klassen: 0, 1 und 2. Klasse 2 ist die höchste in der DIN EN 1303 und für RC2-Türen nach DIN EN 1627 verlangt.

Ziehschutz im Detail

Das „Zylinderziehen“ – manchmal auch Kernziehen genannt – gilt seit Jahren als eine der schnellsten Einbruchstechniken bei ungeschützten Zylindern. Mit einer kräftigen Zange oder einer speziellen Zughilfe wird der überstehende Zylinder aus dem Schloss gerissen, anschließend lässt sich das Schloss von Hand öffnen.

Wirksame Ziehschutz-Maßnahmen

  • Konstruktiver Ziehschutz im Zylinder: Innere Verzahnung oder gehärtete Querbolzen, die ein Herausziehen des Kerns verhindern.
  • Bündige Montage: Der Zylinder darf außen nicht mehr als 3 mm überstehen.
  • Schutzbeschlag mit Zylinderabdeckung nach DIN 18257 (ES1, ES2 oder ES3).

Bei Zylindern mit VdS-BZ-Klasse ist Ziehschutz geprüfter Bestandteil. Bei VdS BZ+ ist der Schutz noch einmal erhöht und gegen alle relevanten Werkzeugangriffe geprüft.

Pickschutz im Detail

Lockpicking nutzt aus, dass Standardstifte beim Anlegen eines Drehmoments einzeln in die richtige Position gebracht werden können. Premium-Zylinder erschweren das durch spezielle Stiftformen und zusätzliche Codierungsebenen.

Konstruktive Pickschutz-Elemente

  • Pilzkopfstifte und Spool-Stifte: Stifte mit speziellen Profilen, die das Tastsignal beim Picking verfälschen.
  • Seitliche Codierungen: Zusätzliche Stifte oder Magnetelemente, die unabhängig von der Hauptstiftreihe geprüft werden.
  • Wendeschlüssel-Systeme mit beidseitiger Stiftreihe, was die Komplexität verdoppelt.
  • Aktive Elemente wie federbelastete Stifte oder zusätzliche Patentkurven.

Pickschutz fließt in die DIN-EN-1303-Bewertung an Stelle 7 (Schlüsselsicherheit) ein. Klasse 6 in Stelle 7 setzt unter anderem geprüfte Nachschlüsselsicherheit und Patentschutz voraus, was indirekt einen hohen Pickschutz mit sich bringt.

Normen im Überblick

Drei Normen sind für die Praxis relevant:

  • DIN EN 1303: Achtstellige Klassifikation für Profilzylinder. Stelle 7 für Schlüsselsicherheit (Klassen 1 bis 6), Stelle 8 für Angriffswiderstand (Klassen 0, 1 und 2).
  • DIN EN 1627: Klassifizierung von Bauelementen nach Widerstandsklassen (RC1 bis RC6). Definiert, welche Zylinderklassen welcher RC-Stufe entsprechen.
  • DIN 18257: Norm für Schutzbeschläge. Kennt die Klassen ES1, ES2 und ES3 – je höher die Klasse, desto höher der Angriffswiderstand des Beschlags.

Zusätzlich existieren die VdS-Klassen für Profilzylinder: VdS A, VdS B, VdS BZ und VdS BZ+. Versicherungen verweisen häufig auf VdS, nicht auf DIN EN 1303 allein.

Welche Schutzart deckt welcher Angriff ab?

Angriff Werkzeug Wirksamer Schutz
Aufbohren Bohrmaschine, Hartmetallbohrer Bohrschutzstifte, Bohrschutzbrücken, Hartmetallplättchen
Zylinderziehen Zange, Zughilfe Konstruktiver Ziehschutz, Schutzbeschlag ES1 oder höher
Lockpicking Picks und Spanner Pilzkopfstifte, seitliche Codierung, Patentschutz
Schlagschlüssel (Bumping) präparierter Schlüsselrohling aktive Elemente, federbelastete Stifte, Wendeschlüssel-System
Nachschlüsselfertigung Schlüsselkopie Patentschutz, Sicherungskarte, geprüfte Schlüsselsicherheit Klasse 5 oder 6

Beispiele für Zylinder mit allen drei Schutzarten

Die folgenden Modelle bieten Bohrschutz, Ziehschutz und Pickschutz in Kombination. Die genauen Prüfklassen variieren je nach Ausstattung – das jeweilige Datenblatt des Herstellers ist maßgeblich.

  • ABUS Bravus 4000: Bohrschutz, konstruktiver Ziehschutz, Wendeschlüssel mit Patentschutz. VdS BZ+ als Prüfvariante.
  • BKS janus 8000: Mehrfach gehärteter Bohrschutz, konstruktiver Ziehschutz, hochkomplexer Wendeschlüssel. VdS BZ+ als Prüfvariante.
  • DOM ix Twinstar: Bohr-, Zieh- und Pickschutz, sechs Stiftreihen, Sicherungskarte, lange Patentlaufzeit.
  • IKON RW6: Bohrschutz, Ziehschutz, Wendeschlüssel mit Patentschutz. Mittelklasse mit Privatkundenfokus.
  • KESO 8000 Omega²: Bohrschutz und konstruktiver Ziehschutz, Pickschutz durch ungewöhnliche Stiftgeometrie. Variante 81.F als technische Sondervariante.
  • Winkhaus keyTec N-tra: Bohrschutz und Ziehschutz, Patentschutz bis 2029, Mittelklasse.
  • Winkhaus keyTec VSX: Hochsicherheitsklasse mit Patentschutz bis 2038, geprüft als VdS BZ+ in der Topausstattung.
  • Winkhaus keyTec X-tra: Auslaufmodell, Patentschutz läuft 2025 aus. Für Neuanlagen empfiehlt sich N-tra oder VSX.

Schutzbeschlag nicht vergessen

Der beste Zylinder nützt wenig, wenn der Beschlag keinen Zylinderschutz bietet. Nach DIN 18257 gibt es drei relevante ES-Klassen für Schutzbeschläge:

  • ES1: Grundschutz, Zylinderabdeckung gegen Manipulationsangriffe.
  • ES2: Erhöhter Schutz, geprüfter Kernzieh- und Bohrschutz.
  • ES3: Höchster Schutz für hochwertige Türen, mit Bohrschutzplatte aus Hartmetall.

Für RC2-Türen wird in der Regel ein Beschlag der Klasse ES1 mit Zylinderabdeckung gefordert, für RC3 entsprechend ES2.

Fazit

Bohrschutz, Ziehschutz und Pickschutz adressieren drei unterschiedliche Angriffsarten. Ein wirksamer Schutz besteht immer aus der Kombination: ein nach DIN EN 1303 geprüfter Zylinder mit Klasse 2 im Angriffswiderstand, ein Schutzbeschlag mindestens ES1 nach DIN 18257 und idealerweise eine VdS-BZ+-Prüfung. Wer Zylinder und Beschlag aufeinander abstimmt, bekommt einen Schutz, der den heute üblichen Werkzeugangriffen lange Stand hält.